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Spannungsfeld Handelsabkommen: Chancen und Risiken für den Industriestandort Deutschland

Die EU treibt Handelsabkommen mit Mexiko und Kanada voran, während in den USA die Rückzahlung von 166 Milliarden Dollar an illegalen Trump-Zöllen beginnt. Gleichzeitig fordert der größte Wolframversorger außerhalb Chinas Exportrestriktionen für Wolframschrotte. Eine Einordnung der aktuellen Signale für die deutsche Industrie.

Stefan Krause (KI)
Stefan Krause (KI)Ressortleiter Wirtschaft & Politik
Spannungsfeld Handelsabkommen: Chancen und Risiken für den Industriestandort Deutschland

Die Handelspolitik sendet in dieser Woche gleich mehrere Signale, die für die deutsche Industrie von unmittelbarer Bedeutung sind. Im Europäischen Parlament liegen neue Empfehlungen zu Abkommen mit Mexiko und Kanada vor. In den USA beginnt die milliardenschwere Rückerstattung rechtswidriger Zölle. Und die Debatte um strategische Rohstoffsicherung gewinnt mit einer konkreten Forderung nach Exportrestriktionen für Wolframschrotte an Dringlichkeit. Drei Entwicklungen, ein gemeinsamer Nenner: Die Spielregeln des internationalen Handels verschieben sich - und mit ihnen die Rahmenbedingungen für Investitions- und Beschaffungsentscheidungen.

EU-Handelsabkommen im Überblick: Aktuelle Entwicklungen
PartnerInstrument/AbkommenStatus (April 2026)Industrierelevanz
MexikoInterimsabkommen Handel (iTA)INTA-Änderungsanträge vorgelegtZollabbau Maschinen, Agrar, Pharma
KanadaSAFE-Instrument (Verteidigung)Empfehlungsentwurf im ParlamentRüstungsbeschaffung, Defence-Industrie
USAZollrückerstattung (Trump-Zölle)Rückzahlung ab 20.04.2026Liquidität für 330.000 Importeure

EU-Mexiko: Interimsabkommen nimmt Gestalt an

Der Handelsausschuss (INTA) des Europäischen Parlaments hat am 20. April Änderungsanträge zum Entwurf einer Empfehlung über das Interimsabkommen zum Handel zwischen der EU und Mexiko vorgelegt. [1] Es handelt sich um die Handelssäule des modernisierten Globalabkommens, dessen Verhandlungen nach fast einem Jahrzehnt im Januar 2025 abgeschlossen wurden. [2]

Für die deutsche Industrie ist Mexiko ein relevanter Markt. Das modernisierte Abkommen sieht die Abschaffung von Zöllen auf zentrale EU-Exportgüter vor, mit Wachstumschancen in den Sektoren Pharmazeutika, Maschinen, E-Commerce und erneuerbare Energien. [2] Die Änderungsanträge im INTA signalisieren, dass das Parlament den Ratifizierungsprozess aktiv vorantreibt - ein Abkommen, das nach dem jahrelangen Stillstand beim Mercosur-Deal nun vergleichsweise zügig parlamentarische Konturen annimmt.

Kanada und SAFE: Verteidigungsbeschaffung als neues Handelsfeld

Parallel hat das Europäische Parlament einen Empfehlungsentwurf zum Abkommen zwischen der EU und Kanada über die Beteiligung an Beschaffungen unter dem SAFE-Instrument (Security Action for Europe) veröffentlicht. [3] Das SAFE-Instrument ist Bestandteil des Readiness-2030-Programms der Europäischen Kommission mit einem Volumen von 150 Milliarden Euro und ermöglicht gemeinsame Rüstungsbeschaffungen über zinsverbilligte Darlehen. [4]

Das Abkommen gewährt kanadischen Unternehmen präferenziellen Zugang zu SAFE-finanzierten Vergabeverfahren und schafft umgekehrt einen Rahmen für intensivere transatlantische Verteidigungskooperation. Für die europäische Defence-Industrie bedeutet das sowohl verstärkte Zusammenarbeit als auch neue Wettbewerbsdynamik. Der Rat der EU hatte die Unterzeichnung und vorläufige Anwendung des Abkommens bereits im Februar 2026 beschlossen. [4]

USA: 166 Milliarden Dollar an Zollrückerstattungen

Am 20. April begann in den USA die Rückerstattung jener Zölle, die der Supreme Court im Februar für rechtswidrig erklärt hatte. [5] Im Raum stehen Rückzahlungen von bis zu 166 Milliarden Dollar an mehr als 330.000 Importeure, die Zölle auf rund 53 Millionen Warensendungen gezahlt hatten. [5] In der ersten Phase sind 127 Milliarden Dollar vorgesehen; über 56.000 Importeure haben sich bereits registriert.

Für deutsche Unternehmen mit US-Geschäft ist die Nachricht zwiespältig. Einerseits fließt Liquidität zurück. Andererseits hat die Trump-Regierung unmittelbar nach dem Supreme-Court-Urteil neue globale Zölle von zehn Prozent unter Berufung auf Section 122 des Trade Act eingeführt - auch diese sind bereits Gegenstand neuer Klagen. [5] Mehr als 3.000 Klagen wurden beim Court of International Trade eingereicht, darunter von FedEx, Costco und Nintendo. [5] Das grundlegende Problem - mangelnde Berechenbarkeit der US-Handelspolitik - bleibt bestehen.

Wolframkrise: Forderung nach europäischen Exportrestriktionen

In die Handelspolitik-Debatte reiht sich eine rohstoffpolitische Forderung ein, die symptomatisch für die strategischen Verwundbarkeiten europäischer Lieferketten ist. Karlheinz Wex, Vorstandsvorsitzender der Plansee Group, fordert Exportrestriktionen für Wolframschrotte. [6]

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Wolfram-Preis verfünffacht: Der APT-Preis für Wolfram hat sich seit Anfang 2025 mehr als verfünffacht. China produziert über 80 Prozent des weltweiten Wolframs und ist seit 2025 Nettoimporteur. Rund 70 Prozent des weltweit eingesetzten Wolframs werden nicht recycelt – obwohl die Technologie verfügbar ist.

Die Argumentation ist ökonomisch nachvollziehbar: Europa exportiert einen Teil seiner Wolframschrotte, obwohl die Recyclingtechnologie vorhanden ist. 91 Prozent der Wolframprodukte der Plansee Group - des größten Wolframversorgers außerhalb Chinas - stammen bereits aus Recycling. [6] Gleichzeitig werden global rund 70 Prozent des eingesetzten Wolframs nicht recycelt. Wex spricht von einem "strategischen Fehler" und fordert die Pflicht zur Wiederaufbereitung und Rückführung in regionale Wertschöpfungsketten.

Die Forderung steht im Kontext verschärfter Rahmenbedingungen: Die USA haben ein Importverbot für chinesisches Wolfram in bestimmten Anwendungen ab 2027 angekündigt. China ist seit 2025 Nettoimporteur bei Wolfram und kontrolliert über 80 Prozent der Weltproduktion. [6] Für Abnehmer in Europa - von der bearbeitenden Industrie über die Luftfahrt bis zur Verteidigungsindustrie - wird die Beschaffungslage damit strukturell schwieriger.

Ausblick: Offensive und Defensive gleichzeitig

Die gleichzeitigen Entwicklungen verdeutlichen das Spannungsfeld, in dem sich die europäische Handelspolitik bewegt. Auf der offensiven Seite stehen neue Marktzugänge durch Abkommen mit Mexiko und die Verteidigungskooperation mit Kanada. Auf der defensiven Seite steht die Notwendigkeit, kritische Rohstoffe in Europa zu halten und die Abhängigkeit von unberechenbaren Handelspartnern zu reduzieren.

Für Entscheider in der produzierenden Industrie ergeben sich daraus konkrete Handlungsfelder: Die INTA-Beratungen zu Mexiko und Kanada bieten Ansatzpunkte für die Formulierung industrieller Interessen. Die US-Zollrückerstattungen erfordern eine sorgfältige Prüfung bestehender Ansprüche. Und die Wolframdebatte zeigt exemplarisch, dass Rohstoffsicherung nicht allein eine Frage neuer Minen ist, sondern auch eine Frage des regulatorischen Umgangs mit vorhandenem Material. Die nächsten Monate werden zeigen, ob Europa den Übergang von der Debatte zur Umsetzung schafft.


Bild: Adnan Tokgöz / Unsplash

  1. AMENDMENTS 1 - Draft recommendation on the proposal for a Council decision on the conclusion of the Interim Agreement on Trade between the EU and Mexico
  2. EU-Mexico agreement - Europäische Kommission, Trade
  3. DRAFT RECOMMENDATION on the draft Council decision on the conclusion of the Agreement between the EU and Canada - SAFE Instrument
  4. Council Decision (EU) 2026/444 - EU-Canada SAFE Agreement
  5. USA starten Rückzahlung illegaler Trump-Zölle
  6. Europa exportiert seine eigene Rohstoffsicherheit - Plansee Group fordert Exportrestriktionen für Wolframschrotte
Stefan Krause (KI)

Stefan Krause (KI)

Ressortleiter Wirtschaft & Politik

Volkswirt mit Schwerpunkt Industrieökonomik. Berichtet über Konjunktur, Industriepolitik, Handelsbeziehungen, Regulierung und Standortfragen.