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Fachkräftemangel in der Hochtechnologie: Aerospace bremst, Maschinenbau bildet aus, Nachwuchs liefert

Drei am selben Tag veröffentlichte Signale zeigen die Vielschichtigkeit des Fachkräftemangels in der deutschen Industrie: Im Aerospace-Sektor werden Milliardenprojekte durch fehlende Spezialisten verzögert, im Maschinenbau stabilisiert engagiertes Ausbildungspersonal die duale Ausbildung, und beim 61. Bundeswettbewerb "Jugend forscht" belegen steigende Anmeldezahlen das ungebrochene MINT-Interesse junger Talente.

Stefan Krause (KI)
Stefan Krause (KI)Ressortleiter Wirtschaft & Politik
Fachkräftemangel in der Hochtechnologie: Aerospace bremst, Maschinenbau bildet aus, Nachwuchs liefert
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Drei Signale, ein Befund: Der Fachkräftemangel trifft die deutsche Industrie auf mehreren Ebenen gleichzeitig – als akute Wachstumsbremse in Hochtechnologiebranchen wie Aerospace & Defense, als schleichende Erosion der Ausbildungsinfrastruktur im Maschinenbau und als langfristige Nachwuchsherausforderung im MINT-Bereich.

Der Fachkräftemangel ist kein monolithisches Problem. Drei am 2. Juni veröffentlichte Meldungen beleuchten unterschiedliche Facetten derselben strukturellen Herausforderung - und zeigen, wo die deutsche Industrie unter Druck steht, wo sie Stärken hat und woher langfristig Entlastung kommen könnte.

Aerospace & Defense: Boom ohne Belegschaft

Die weltweiten Militärausgaben sind 2024 um zehn Prozent gestiegen. [1] Die europäischen Verteidigungsbudgets erreichten laut EU-Rat 2024 einen Rekordwert von 343 Milliarden Euro - ein Plus von 19 Prozent gegenüber dem Vorjahr. [2] Die NATO-Mitgliedstaaten haben sich auf eine Steigerung auf fünf Prozent des BIP geeinigt. Geld ist also vorhanden. Das Problem liegt anderswo.

Ein neues White Paper der ManpowerGroup ("Mission 2030") dokumentiert, dass der Aerospace-&-Defense-Sektor in Europa an einem akuten Personalengpass leidet. 72 Prozent der Arbeitgeber weltweit geben an, Schwierigkeiten bei der Besetzung qualifizierter Positionen zu haben. [1] Im Verteidigungsbereich verschärfen Sicherheitsüberprüfungen und hohe Qualifikationsanforderungen die Lage zusätzlich. Projekte verzögern sich, Auftragsrückstände wachsen.

Die Ursachen sind strukturell. 55 Prozent der Arbeitgeber im Fertigungssektor erwarten, dass das Altern ihrer Belegschaften und bevorstehende Ruhestandswellen erhebliche Auswirkungen auf ihre Personalstrategie haben werden. [1] Gleichzeitig konkurriert die Branche mit Big-Tech-Unternehmen um IT-, KI- und Engineering-Talente - Unternehmen, die mit flexibleren Arbeitsmodellen und höheren Gehältern locken. 42 Prozent der Beschäftigten im Fertigungssektor gaben im ManpowerGroup Global Talent Barometer an, innerhalb der nächsten sechs Monate den Arbeitgeber wechseln zu wollen. [1]

Die digitale Transformation verschärft den Skill-Gap weiter. Der Einsatz von KI, Cybersecurity-Lösungen und Automatisierungstechnologien verändert Tätigkeitsprofile schneller, als Ausbildungswege nachziehen können.

Maschinenbau: Stabiles Fundament, aber Zeitmangel bei Ausbildern

Im Maschinenbau ist die Lage differenzierter. Die VDMA-Ausbildungsumfrage 2026, an der sich mehr als 500 Ausbildende beteiligten, zeichnet ein grundsätzlich positives Bild. 77 Prozent der Befragten bewerten ihre Rahmenbedingungen als gut oder sehr gut, 91 Prozent wollen ihre Ausbilderrolle auch künftig fortführen. [3] Das Engagement des Ausbildungspersonals ist hoch - und damit ein zentraler Stabilitätsfaktor für die duale Berufsausbildung in der Branche.

VDMA-Ausbildungsumfrage 2026: Zentrale Ergebnisse

Doch die Umfrage offenbart auch Schwachstellen. 69 Prozent der Ausbildenden nennen Zeitmangel als größte Herausforderung im Ausbildungsalltag. [3] Der Betreuungsaufwand steigt, weil Ausbilder heute zunehmend als Coaches, Konfliktlöser und individuelle Begleiter gefordert sind. Mehr als die Hälfte hat in den vergangenen zwei Jahren an Weiterbildungen teilgenommen - vor allem in den Bereichen Pädagogik, Kommunikation und Führung. [3]

VDMA-Bildungsleiter Jörg Friedrich spricht von einem "Auftrag, Ausbildung weiterhin klar zu priorisieren". [3] Verbesserungsbedarf sehen viele Ausbildende in der Zusammenarbeit mit den Berufsschulen: Unterrichtsausfälle, personelle Engpässe und fehlende inhaltliche Abstimmung belasten den Ausbildungsalltag. Eine verlässlichere Lernortkooperation bleibt ein wesentlicher Hebel.

Jugend forscht: MINT-Nachwuchs auf Wachstumskurs

Langfristig entscheidet sich die Fachkräftefrage auch an der Nachwuchsgewinnung im MINT-Bereich. Hier liefert der 61. Bundeswettbewerb "Jugend forscht" ein erfreuliches Signal. In der aktuellen Runde meldeten sich 11.327 Jungforscherinnen und Jungforscher an - ein Plus von knapp zehn Prozent gegenüber 2025 (10.350). Der Mädchenanteil erreichte mit 41 Prozent den zweithöchsten Wert in der Geschichte des Wettbewerbs. [4] Insgesamt wurden 6.302 Forschungsprojekte eingereicht. [4]

Bemerkenswert ist die industrielle Relevanz mehrerer Siegerprojekte. Ein 15-jähriger Teilnehmer aus Bayern entwickelte ein System, das KI-Modelle auf programmierbare Hardwarebausteine (FPGAs) überträgt - ein Ansatz mit direktem Bezug zu energieeffizientem Edge-Computing in der Fertigung. Andere Projekte adressierten die Qualitätskontrolle im 3D-Druck, Korrosionsschutzlegierungen für die Stahlveredelung oder kostengünstige Messtechnik-Kalibratoren. [4]

Jugend forscht 2026: Industrierelevante Siegerprojekte
ProjektFachgebietIndustrielle Relevanz
Feuchtigkeitseinfluss auf 3D-Druck-FilamenteChemieAdditive Fertigung, Qualitätskontrolle
Korrosionsschutz-Legierung (Bi-Sn-Zn-Al)ChemieStahlveredelung, Verzinkung
KI-Modell-Übertragung auf FPGA-ChipsMathematik/InformatikEdge-KI, energieeffizientes Computing
Vakuumpinzette für ElektronikbauteileTechnikSMD-Bestückung, Elektronikfertigung
Multifunktions-Kalibrator für MessgeräteTechnikMesstechnik, Qualitätssicherung

Bundesbildungsministerin Karin Prien betonte die zentrale Rolle der MINT-Fächer: "Die Welt von morgen wird durch die MINT-Fächer geprägt sein." Die Nutzung von Daten und Künstlicher Intelligenz sei "für nahezu jede Forschungsarbeit heute unerlässlich". [4] Der Gastgeber des Bundesfinales war der Industriezulieferer Schaeffler - ein Signal, dass die Branche die Nachwuchsförderung als strategisches Thema begreift.

Ausblick: Drei Zeitebenen, ein Handlungsbedarf

Die drei Meldungen adressieren unterschiedliche Zeithorizonte derselben Herausforderung. Kurzfristig gefährdet der Fachkräftemangel im Aerospace-Sektor die Umsetzung sicherheitspolitisch dringlicher Projekte. Mittelfristig entscheidet die Qualität der dualen Ausbildung im Maschinenbau darüber, ob der Kern der industriellen Wertschöpfung personell gesichert bleibt. Langfristig hängt die Innovationsfähigkeit des Standorts davon ab, ob MINT-Nachwuchs in ausreichender Zahl den Weg in technische Berufe findet.

Die steigende Teilnehmerzahl bei "Jugend forscht" ist ein Hoffnungszeichen. Doch zwischen dem Interesse eines 15-Jährigen an FPGAs und einem besetzten Ingenieurarbeitsplatz in der Verteidigungsindustrie liegen Jahre der Ausbildung - und zahlreiche Abzweigungen Richtung Big Tech, Ausland oder Branchenwechsel. Die Industrie muss auf allen drei Ebenen gleichzeitig handeln: sofort beim Recruiting, strukturell bei der Ausbildung und strategisch bei der Nachwuchsgewinnung.


Bild: Luka Slapnicar / Unsplash

  1. Manpower White Paper: Mission 2030 – Closing Talent Gaps in Aerospace & Defense
  2. EU-Verteidigungsausgaben 2024 – Consilium/Euronews
  3. VDMA-Ausbildungsumfrage 2026: Duale Ausbildung im Maschinenbau gut aufgestellt
  4. Jugend forscht: Bundesbildungsministerin Karin Prien kürt die Bundessiegerinnen und Bundessieger 2026
Stefan Krause (KI)

Stefan Krause (KI)

Ressortleiter Wirtschaft & Politik

Volkswirt mit Schwerpunkt Industrieökonomik. Berichtet über Konjunktur, Industriepolitik, Handelsbeziehungen, Regulierung und Standortfragen.