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Kompetenzpakt: 10 Millionen weitergebildete Arbeitnehmer - was das für den Fachkräftemangel in der Industrie bedeutet

Der EU-Kompetenzpakt hat seit 2020 mehr als 10 Millionen Arbeitnehmer weitergebildet - allein 3,9 Millionen im Jahr 2025. Die Zahlen klingen beeindruckend, doch für die deutsche Industrie stellt sich die Frage, ob die Initiative die strukturellen Engpässe in Fertigung, Digitalisierung und Energietransformation tatsächlich lindert.

Stefan Krause (KI)
Stefan Krause (KI)Ressortleiter Wirtschaft & Politik
Antonio Janeski

10 Millionen - die EU-Bilanz im Detail

Die Europäische Kommission hat am 16. April die Ergebnisse ihrer jährlichen Umfrage zum Kompetenzpakt (Pact for Skills) vorgelegt. Demnach haben seit dem Start der Initiative im November 2020 mehr als 10 Millionen Menschen von Weiterbildungsmaßnahmen profitiert - davon allein 3,9 Millionen im Jahr 2025. [1] Der Pakt bündelt Unternehmen, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, Bildungsträger und öffentliche Einrichtungen mit dem Ziel, Qualifikationslücken im Kontext der grünen und digitalen Transformation zu schließen. [2]

Weiterbildung im EU-Kompetenzpakt: Kumulierte Teilnehmerzahlen (in Mio.)

Die Dynamik hat sich zuletzt beschleunigt: 2025 lag die Teilnehmerzahl deutlich über den Vorjahren. Mitglieder der sektoralen Großpartnerschaften (Large-Scale Skills Partnerships) bildeten im Schnitt 26 Prozent ihrer Belegschaft weiter. [2] Der Pakt deckt 14 industrielle Ökosysteme ab - darunter die Automobil-, Bau-, Luftfahrt- und Verteidigungsindustrie, erneuerbare Energien sowie die Digitalwirtschaft. [3]

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Zielmarke 2030: Die 14 sektoralen Großpartnerschaften im Kompetenzpakt haben sich verpflichtet, bis 2030 insgesamt 25 Millionen Arbeitnehmer weiterzubilden. Aktuell sind rund 10 Millionen erreicht – also 40 Prozent des Ziels in gut der Hälfte der Laufzeit. Parallel verfolgt die EU das Ziel, dass bis 2030 mindestens 60 Prozent der Erwachsenen jährlich an Weiterbildung teilnehmen.

Fachkräftemangel in Deutschland: Strukturelles Problem trotz konjunktureller Entlastung

Die EU-Zahlen wirken zunächst ermutigend. Der Blick auf die deutsche Situation zeigt jedoch, dass Weiterbildung allein das Kernproblem nicht löst. Das IW Köln errechnete für 2024 rund 487.000 rechnerisch unbesetzbare Stellen, die Bundesagentur für Arbeit identifizierte 163 Engpassberufe. [4] Der DIHK-Fachkräftereport 2025/2026 meldete, dass 36 Prozent der Unternehmen weiterhin Schwierigkeiten bei der Stellenbesetzung haben und 83 Prozent auch künftig negative Folgen durch den Arbeits- und Fachkräftemangel erwarten. [5]

Fachkräfteengpass Deutschland: Kennzahlen im Überblick
KennzahlWertQuelle / Zeitraum
Engpassberufe (BA)163Bundesagentur für Arbeit, 2024
Rechnerisch unbesetzbare Stellen487.029IW Köln, 2024
Unternehmen mit Besetzungsschwierigkeiten36 %DIHK-Fachkräftereport 2025/2026
Unternehmen, die negative Folgen erwarten83 %DIHK-Fachkräftereport 2025/2026

Das KOFA (Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung) hat im März 2026 seinen Jahresrückblick veröffentlicht. Die Kernbotschaft ist nuanciert: Die Gesamtlücke ist gesunken - aber nicht wegen struktureller Verbesserungen, sondern wegen der konjunkturellen Abkühlung. [6] In Berufen, die für den Ausbau öffentlicher Infrastruktur und die ökologische Transformation relevant sind, ist die Lücke sogar gestiegen. Das deckt sich mit dem Befund des BDI, der Anfang dieser Woche die Wachstumsprognose für die Industrie gestrichen hat und auf eine Kapazitätsauslastung von nur rund 78 Prozent im verarbeitenden Gewerbe verwies. [7]

Wo der Kompetenzpakt greift - und wo nicht

Der EU-Kompetenzpakt adressiert ein reales Problem: Die gleichzeitige Transformation hin zu klimaneutraler Produktion und digitaler Fertigung erfordert Kompetenzen, die vielen Beschäftigten fehlen. In der Automobilindustrie, wo der Übergang vom Verbrenner zum Elektroantrieb tausende Jobprofile verändert, sind sektorspezifische Weiterbildungsprogramme unbestreitbar sinnvoll. Die Automotive Skills Alliance, eine der Großpartnerschaften im Pakt, koordiniert entsprechende Maßnahmen europaweit. [3]

Für die deutsche Industrie greifen die EU-Zahlen allerdings an entscheidender Stelle zu kurz. Der Pakt misst Teilnehmerzahlen - nicht Wirkung. Ob die 10 Millionen weitergebildeten Arbeitnehmer tatsächlich Engpassberufe besetzen, höherwertige Aufgaben übernehmen oder die Produktivität ihrer Betriebe steigern, bleibt in der Kommissions-Umfrage weitgehend offen. Die Messgröße "benefited from upskilling initiatives" ist bewusst breit gewählt und umfasst Maßnahmen von mehrtägigen Zertifikatskursen bis zu kurzen Einführungen.

Zudem adressiert Weiterbildung nur einen Teil des Problems. Der demografische Faktor - jährlich scheiden mehr Fachkräfte altersbedingt aus als nachrücken - lässt sich durch Qualifizierung allein nicht kompensieren. Die Kommission hat dies erkannt und den Kompetenzpakt 2025 in die übergeordnete Initiative "Union der Kompetenzen" eingebettet, die auch Arbeitsmobilität innerhalb der EU und die Anwerbung internationaler Fachkräfte umfasst. [8]

Einordnung: Quantität trifft auf Qualitätsfrage

Die 10-Millionen-Marke ist ein Meilenstein auf dem Weg zum ambitionierten EU-Ziel, bis 2030 jährlich mindestens 60 Prozent der Erwachsenen in Weiterbildung zu bringen. [9] Die 14 Großpartnerschaften haben zugesagt, bis 2030 insgesamt 25 Millionen Arbeitnehmer weiterzubilden - 40 Prozent davon sind erreicht. [3]

Für Entscheider in der deutschen Industrie ergibt sich ein differenziertes Bild. Die EU schafft einen Rahmen und mobilisiert Akteure - die operative Wirkung hängt aber davon ab, ob Unternehmen die Programme für gezielte, bedarfsgerechte Qualifizierung nutzen oder lediglich Teilnahmestatistiken bedienen. Der DIHK mahnt seit Jahren, dass Weiterbildung stärker an betrieblichen Anforderungen ausgerichtet werden muss und bürokratische Hürden bei der Inanspruchnahme von Fördermitteln fallen sollten. [5]

Ausblick: Weiterbildung als notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung

Der Kompetenzpakt zeigt, dass europaweit koordinierte Weiterbildungsinitiativen Reichweite erzeugen können. Ob sie den Fachkräftemangel in der Industrie spürbar lindern, wird sich an drei Faktoren entscheiden: Erstens an der Qualität und Passgenauigkeit der Maßnahmen - insbesondere in den MINT-Berufen und der industriellen Fertigung, wo die Engpässe am größten sind. Zweitens an der Verknüpfung mit anderen Instrumenten - von der Zuwanderungspolitik über flexible Arbeitszeitmodelle bis zur Automatisierung. Drittens an der Bereitschaft der Unternehmen, systematisch in die Weiterbildung ihrer Belegschaft zu investieren, statt auf einen sich ohnehin verengenden Arbeitsmarkt zu hoffen.

Die nächste Bewährungsprobe kommt schnell: Bis 2030 will die EU ihre Weiterbildungsziele verdoppeln. Für die deutsche Industrie, die parallel mit Konjunkturschwäche, Standortkosten und geopolitischen Risiken kämpft, wird entscheidend sein, ob aus Brüsseler Zielvorgaben betriebliche Praxis wird.


Bild: Antonio Janeski / Unsplash

  1. Europäische Kommission: Mehr als 10 Millionen im Rahmen des Kompetenzpakts ausgebildete Arbeitnehmer
  2. EU's Pact for Skills trains 10 million workers amid green and digital push
  3. Pact for Skills – Large Scale and Regional Partnerships (Europäische Kommission)
  4. Fachkräftemangel Deutschland 2026: Engpässe nach Branchen (IW Köln / KOFA)
  5. DIHK-Fachkräftereport 2025/2026
  6. KOFA Kompakt 3/2026: Jahresrückblick 2025 – Schwacher Arbeitsmarkt und Fachkräftelücke
  7. BDI-Lagebild zur Hannover Messe 2026 / Industrieblatt-Berichterstattung
  8. Europäische Kommission: Union der Kompetenzen – Maßnahmenpaket 2025
  9. Pact for Skills Annual Report 2024/2025 – EU-Ziel 60 % Weiterbildungsquote bis 2030
Stefan Krause (KI)

Stefan Krause (KI)

Ressortleiter Wirtschaft & Politik

Volkswirt mit Schwerpunkt Industrieökonomik. Berichtet über Konjunktur, Industriepolitik, Handelsbeziehungen, Regulierung und Standortfragen.