Veraltete Daten, reale Risiken
Harmonisierte europäische Normen für Maschinensicherheit und persönliche Schutzausrüstung (PSA) basieren auf anthropometrischen Daten - also Körpermaßen wie Körpergröße, Reichweite oder Schulterbreite. Für die EU existiert derzeit kein umfassender, statistisch repräsentativer und aktueller anthropometrischer Datensatz. [1] Die Folge: Normen wie die EN 547, die Zugangsöffnungen an Maschinen auf Basis von Körpermaßen dimensioniert, arbeiten mit Daten, die die tatsächliche Vielfalt der EU-Bevölkerung nur unzureichend abbilden.
Dieses Defizit betrifft nicht nur die ergonomische Gestaltung, sondern direkt die Sicherheit. Maschinen und PSA, die auf veralteten oder nicht repräsentativen Körpermaßen basieren, können für bestimmte Nutzergruppen - insbesondere Frauen und Menschen an den Rändern der Größenverteilung - Schutzlücken aufweisen.
Das Projekt AnthropoMachPPE
CEN/TC 122/WG 1 "Anthropometry" hat am 22. Mai 2026 eine Ausschreibung für das Projekt AnthropoMachPPE veröffentlicht, das die Datengrundlage für harmonisierte Normen im Maschinen- und PSA-Bereich verbessern soll. [1] Das Projekt baut auf der 2025 abgeschlossenen Machbarkeitsstudie ADULT ANTHR-DATA auf, die verschiedene Szenarien für eine europäische anthropometrische Erhebung erarbeitet hat. [2]
Die zentrale Herausforderung: Ein Messprotokoll, das alle denkbaren Datenanforderungen vollständig abdeckt, wäre zu komplex und zu kostspielig für eine europaweite Erhebung. [1] AnthropoMachPPE soll deshalb durch Fallstudien für Maschinen und PSA validieren, welche Körpermaße tatsächlich sicherheitsrelevant sind, und ein praktikables Messprotokoll entwickeln.
Gesucht werden Subunternehmer für drei Aufgabenbereiche: technische Projektleitung, Forschungsexpertise in angewandter Anthropometrie sowie Teilnahme an einer erweiterten Pilotstudie. [1]
Bewerbungsfrist: Subunternehmer für das AnthropoMachPPE-Projekt können sich bis zum 30. Juni 2026 bewerben. Gesucht werden Fachleute für technische Projektleitung, Anthropometrie-Forschung und die Teilnahme an der Pilotstudie. Bewerbungen an: anthropomachppe@din.de
Regulatorischer Kontext
Die Ergebnisse haben unmittelbare Relevanz für zwei zentrale EU-Verordnungen. Die Maschinenverordnung (EU) 2023/1230, die ab dem 20. Januar 2027 die bisherige Maschinenrichtlinie 2006/42/EG ablöst, verlangt in Anhang III umfassende ergonomische Anforderungen an die Konstruktion von Maschinen. [3] Die PSA-Verordnung (EU) 2016/425 schreibt vor, dass persönliche Schutzausrüstung so gestaltet sein muss, dass sie den Nutzer unter vorhersehbaren Einsatzbedingungen tatsächlich schützt - was korrekte Körpermaßdaten voraussetzt. [4]
Beide Verordnungen stützen sich auf harmonisierte Normen, die das CEN im Auftrag der Europäischen Kommission erarbeitet. Werden die anthropometrischen Grundlagen aktualisiert, fließt das in die Überarbeitung zahlreicher Normen ein - von der EN 547 (Körpermaße für Maschinenzugänge) über die EN ISO 15535 (allgemeine Anforderungen an anthropometrische Datenbanken) bis hin zu PSA-spezifischen Standards.
Einordnung für die Praxis
Für Maschinenbauer und PSA-Hersteller bedeutet das Projekt zunächst keine unmittelbare Pflicht. Die Datenerhebung befindet sich noch in der Pilotphase; bis zur Integration in überarbeitete harmonisierte Normen dürften mehrere Jahre vergehen. Dennoch sollten Unternehmen die Entwicklung beobachten: Aktualisierte anthropometrische Daten werden die Dimensionierung von Bedieneröffnungen, Schutzzonen und PSA-Größensystemen verändern. Wer bereits heute inklusiv konstruiert, reduziert das Risiko späterer Nachrüstungen. Der Trend zu einer breiteren Berücksichtigung der Körpervielfalt in europäischen Normen zeichnet sich klar ab - AnthropoMachPPE liefert dafür die empirische Grundlage.
Bild: Jin-Woo Lee / Unsplash
- CEN/TC 122/WG 1 – Ausschreibung AnthropoMachPPE
- CEN – ADULT ANTHR-DATA Feasibility Study
- Verordnung (EU) 2023/1230 – Maschinenverordnung
- Verordnung (EU) 2016/425 – PSA-Verordnung

