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Bevölkerungs- und Beschäftigungsentwicklung: Neue Zahlen liefern Orientierung für den Industriestandort

Die Nettozuwanderung nach Deutschland ist 2025 auf 235.000 Personen eingebrochen - ein Minus von 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig sinkt die Arbeitslosigkeit im Mai 2026 erstmals seit Dezember unter drei Millionen, während 643.000 Stellen unbesetzt bleiben. Für die Industrie verschärft sich das Fachkräfte-Dilemma.

Stefan Krause (KI)
Stefan Krause (KI)Ressortleiter Wirtschaft & Politik
Bevölkerungs- und Beschäftigungsentwicklung: Neue Zahlen liefern Orientierung für den Industriestandort

Zwei am 1. Juni veröffentlichte Datensätze zeichnen ein widersprüchliches Bild des deutschen Arbeitsmarkts: Weniger Zuwanderung, weniger Arbeitslose - aber auch keine Entwarnung beim Fachkräftemangel. Für die produzierende Industrie sind die Zahlen ein Warnsignal.

Nettozuwanderung: Minus 45 Prozent in einem Jahr

Im Jahr 2025 betrug die Nettozuwanderung nach Deutschland rund 235.000 Personen - ein Rückgang von 45 Prozent gegenüber 2024 (430.000 Personen). [1] Die endgültigen Ergebnisse der Wanderungsstatistik des Statistischen Bundesamtes zeigen: Rund 1,48 Millionen Zuzüge standen 1,25 Millionen Fortzügen gegenüber. Die Zuzüge gingen gegenüber dem Vorjahr um 13 Prozent zurück, die Fortzüge blieben nahezu stabil. [1]

Nettozuwanderung nach Deutschland (in Tsd. Personen)

Der Rückgang hat mehrere Treiber. Die Nettozuwanderung aus den Hauptherkunftsländern von Asylsuchenden sank erheblich: Syrien verzeichnete ein Minus von 67 Prozent (von 75.000 auf 25.000), die Türkei von 41 Prozent (von 41.000 auf 24.000) und Afghanistan ebenfalls von 41 Prozent (von 33.000 auf 19.000). [1] Auch die Zuwanderung aus der Ukraine ging um 21 Prozent auf 96.000 Personen zurück. [1]

EU-Wanderungssaldo wird negativ

Besonders aufschlussreich für den Industriestandort ist der Wanderungssaldo mit der Europäischen Union. Deutschland verlor 2025 per Saldo 54.000 Personen an andere EU-Staaten - nach bereits minus 34.000 im Vorjahr. [1] Die größten Wanderungsverluste bestanden gegenüber Polen (-17.000) und Bulgarien (-14.000). Es sind genau jene Länder, aus denen in den vergangenen Jahren erhebliche Zuwanderung in die deutsche Industrie, das Baugewerbe und die Logistik erfolgte.

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Negativer EU-Wanderungssaldo: Deutschland hat 2025 erstmals einen Wanderungsverlust von 54.000 Personen gegenüber der EU verzeichnet. Besonders ausgeprägt ist die Abwanderung nach Polen (−17.000) und Bulgarien (−14.000). Die bisherige Hauptquelle für Fachkräfte aus dem EU-Binnenmarkt fällt zunehmend weg.

Parallel dazu stieg die Nettoabwanderung deutscher Staatsangehöriger: 97.000 Deutsche mehr verließen das Land als zurückkehrten - ein Anstieg gegenüber 81.000 im Vorjahr. Hauptzielländer waren die Schweiz (23.000), Österreich (14.000) und Spanien (10.000). [1] Die Abwanderung deutscher Fachkräfte ist seit 2005 ein durchgängiges Muster, das sich zuletzt beschleunigt hat.

Arbeitsmarkt im Mai: Unter drei Millionen, aber kein Aufbruch

Die Bundesagentur für Arbeit meldete für Mai 2026 einen Rückgang der Arbeitslosenzahl auf rund 2,95 Millionen - erstmals seit Dezember unter der Drei-Millionen-Marke. [2] Die Arbeitslosenquote lag bei 6,3 Prozent. Im Jahresvergleich waren allerdings 31.000 Personen mehr arbeitslos als im Mai 2025. [2]

Arbeitsmarkt Mai 2026 – Kennzahlen im Überblick
KennzahlMai 2026ggü. Vormonatggü. Vorjahr
Arbeitslose2,95 Mio.−58.000+31.000
Arbeitslosenquote6,3 %−0,1 Pp.+0,1 Pp.
Unterbeschäftigung3,69 Mio.−50.000k. A.
Gemeldete offene Stellen643.000+2.000+8.000
Unbesetzte Ausbildungsplätze382.000
Suchende ohne Lehrstelle199.000

BA-Chefin Andrea Nahles ordnete die Zahlen nüchtern ein: "Die Frühjahrsbelebung ist in diesem Jahr nicht wirklich in Fahrt gekommen." Der Rückgang sei möglicherweise mehr auf einen schwachen April als auf einen starken Mai zurückzuführen. [2]

Bemerkenswert ist das Auseinanderlaufen von Arbeitslosigkeit und offenen Stellen. Im Mai waren 643.000 Stellen bei der BA gemeldet - rund 8.000 mehr als im Vorjahr. [2] Gleichzeitig fehlten 382.000 Ausbildungsplätze Bewerber, während 199.000 junge Menschen ohne Lehrstelle waren. [2] Die Diskrepanz offenbart ein strukturelles Matching-Problem: Qualifikationen und regionale Verfügbarkeit passen vielfach nicht zusammen.

Was die Zahlen für die Industrie bedeuten

Die beiden Datensätze ergeben zusammengelesen ein klares Bild: Das Arbeitskräfteangebot in Deutschland verengt sich schneller als erwartet. Die Nettozuwanderung von 235.000 liegt deutlich unter den Werten, die Demografieforscher als notwendig erachten, um den alterungsbedingten Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials zu kompensieren. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat in seinen Projektionen wiederholt darauf hingewiesen, dass eine Nettozuwanderung von mindestens 400.000 Personen jährlich erforderlich wäre, um das Erwerbspersonenpotenzial bis 2035 stabil zu halten. [3]

Für die Industrie verschärfen sich damit mehrere Problemlagen gleichzeitig. Der DIHK-Fachkräftereport 2025/2026 zeigt, dass 36 Prozent der Unternehmen weiterhin Schwierigkeiten bei der Stellenbesetzung haben und 83 Prozent auch künftig negative Folgen durch den Fachkräftemangel erwarten. [4] 57 Prozent der nicht besetzbaren Stellen entfallen auf Berufe mit dualer Berufsausbildung - also genau jene Qualifikationsprofile, die in der Fertigung, im Anlagenbau und in der Instandhaltung gefragt sind. [4]

Ausblick: Drei Stellschrauben, wenig Spielraum

Die neuen Zahlen verdeutlichen, dass die Fachkräftesicherung kein konjunkturelles, sondern ein strukturelles Thema bleibt. Der negative EU-Wanderungssaldo signalisiert, dass Deutschland im Wettbewerb um europäische Arbeitskräfte an Attraktivität verliert - ob durch Steuerbelastung, Bürokratie oder schlicht bessere Alternativen in den Herkunftsländern.

Drei Ansatzpunkte zeichnen sich ab. Erstens: Die gezielte Erwerbsmigration aus Drittstaaten gewinnt an Bedeutung, setzt aber funktionierende Anerkennungsverfahren und administrative Infrastruktur voraus. Zweitens: Die Ausbildungslücke von 382.000 unbesetzten Lehrstellen verlangt nach besserer regionaler Vermittlung und einer Aufwertung der dualen Berufsausbildung. Drittens: Automatisierung und Produktivitätssteigerung werden dort unverzichtbar, wo die demografische Lücke durch Zuwanderung und Qualifizierung allein nicht zu schließen ist.

Rund 140.000 Arbeitsplätze sind in der Industrie zuletzt verloren gegangen. [5] Gleichzeitig bleiben Hunderttausende Stellen unbesetzt. Dieses Paradox wird die Standortdebatte in den kommenden Monaten bestimmen - und es verlangt Antworten, die über einzelne Konjunkturzyklen hinausreichen.


Bild: Valery Tenevoy / Unsplash

  1. Nettozuwanderung 2025 mit 235.000 Personen deutlich gesunken – Pressemitteilung Nr. 184 des Statistischen Bundesamtes
  2. Zahl der Arbeitslosen sinkt unter Drei-Millionen-Marke – tagesschau.de
  3. IAB – Projektion des Erwerbspersonenpotenzials bis 2050
  4. DIHK-Fachkräftereport 2025/2026
  5. Arbeitsmarkt: Was Menschen ohne Job von 2026 erwarten können – Wirtschaftswissenschaftler Christian Merkl
Stefan Krause (KI)

Stefan Krause (KI)

Ressortleiter Wirtschaft & Politik

Volkswirt mit Schwerpunkt Industrieökonomik. Berichtet über Konjunktur, Industriepolitik, Handelsbeziehungen, Regulierung und Standortfragen.