Der Entwicklungsdienstleister IAV hat sich mit Gesamtbetriebsrat und IG Metall auf eine Gesamtlösung geeinigt - und die Zahlen sind eindeutig: Bis Ende 2027 soll die Belegschaft in Deutschland von derzeit mehr als 5.000 auf 2.970 Beschäftigte schrumpfen[1]. Das sind über 2.000 Stellen, die wegfallen. Ein Zukunftstarifvertrag sichert die Standorte - den Stellenabbau selbst konnte die IG Metall nicht abwenden.
Was sich wie eine Unternehmens-Pressemitteilung liest, ist in Wirklichkeit ein Symptom. Eines, das die gesamte Engineering-Dienstleistungsbranche in Deutschland erfasst hat.
Wie es dazu kam: VW-Krise als Brandbeschleuniger
IAV ist kein Unbekannter. Das 1983 in Berlin gegründete Unternehmen entwickelt Antriebsstränge, Elektronik und Fahrzeugsysteme für Automobilhersteller und Zulieferer weltweit. VW hält 50 Prozent an IAV - und genau das macht die aktuelle Lage so brisant.
Denn VW selbst steckt tief in der Krise. Wer bei den OEMs spart, spart auch bei zugekauften Ingenieurleistungen. Die Logik ist simpel: Wenn Modellprogramme gestreckt, Entwicklungsbudgets gekürzt und Plattformstrategien neu justiert werden, trifft das als erstes die externen Dienstleister. Deren Aufträge sind projektbasiert, ihre Kapazitäten damit unmittelbar dem Nachfragerisiko ausgesetzt.
Bei IAV eskalierte der Konflikt zwischen Management und Belegschaft offenbar erheblich. Die IG Metall wirft der Unternehmensleitung vor, während der Verhandlungen wiederholt mit Insolvenz gedroht zu haben. VW soll die weitere Unterstützung von einer Einigung abhängig gemacht haben. Hunderte Beschäftigte demonstrierten in Berlin und Gifhorn gegen die Pläne.
Der Stellenabbau entspricht einem Rückgang der deutschen Belegschaft um rund 40 Prozent – von über 5.000 auf 2.970 Mitarbeitende bis Ende 2027. Das Abfindungs- und Freiwilligenprogramm startet im Herbst 2026.
Was der Tarifvertrag regelt - und was er nicht verhindert
Am 6. August 2026 vermeldete IAV die Einigung. Der Zukunftstarifvertrag und acht Gesamtbetriebsvereinbarungen regeln Beschäftigung, Standorte, Arbeitszeit, Vergütung und Qualifizierung in einem Paket. Betriebsbedingte Kündigungen sind bis Ende 2028 ausgeschlossen. Alle deutschen Standorte bleiben erhalten.
Die Standortlogik dahinter ist klar:
- Berlin-Charlottenburg wird zum "Zentrum für Kernkompetenzen mit IT-Hub" - ein deutlicher Schwenk weg vom klassischen Fahrzeugentwicklungsstandort.
- Gifhorn (Niedersachsen) wird als Entwicklungszentrum gestärkt.
- Stollberg (Sachsen) bleibt "fester Bestandteil des Standortnetzes" - eine Formulierung, die Interpretationsspielraum lässt.
- Die Standorte in Baden-Württemberg und Bayern bleiben erhalten, um Kundennähe zu sichern.
Bis Ende März 2027 sollen für jede Region verbindliche Vereinbarungen zu Auslastung und Kompetenzentwicklung folgen. Das ist der entscheidende Vorbehalt: Die Standortsicherung ist real, aber die konkrete Ausgestaltung steht noch aus.
IAV-Chef Jörg Astalosch kommentierte nüchtern: "Diese Lösung wurde niemandem geschenkt, sie hat allen Beteiligten viel abverlangt."
KI als Zukunftswette - aber auf welchem Fundament?
Bemerkenswert ist, was IAV in der Vereinbarung als strategische Richtung benennt: Das Unternehmen will KI-Kompetenzen in allen Unternehmensbereichen verankern und eine "leistungs- und kundenorientierte Arbeitskultur" einführen. Das klingt nach Transformation - und ist es auch. Nur eben eine, die mit massivem Personalabbau einhergeht.
Die Frage, die sich Produktionsplaner und Einkäufer stellen sollten: Wer entwickelt morgen die Fahrzeugsysteme, wenn heute das Know-how abgebaut wird? Engineering-Dienstleister wie IAV sind keine austauschbare Ressource. Sie tragen Projektwissen, Systemverständnis und Entwicklungshistorie - Dinge, die sich nicht einfach wiederherstellen lassen, wenn der Markt dreht.
Photo: Radowan Nakif Rehan / UnsplashKein Einzelfall: Die ganze Branche schrumpft
IAV ist nicht allein. Nach Schätzungen des VDA sank die Zahl der Beschäftigten bei Ingenieursdienstleistern von bis zu 90.000 im Jahr 2019 auf aktuell zwischen 50.000 und 60.000 Personen in Deutschland. Das ist ein Rückgang von bis zu einem Drittel in wenigen Jahren.
Bertrandt hat die Belegschaft im vergangenen Geschäftsjahr um rund 1.500 Mitarbeitende reduziert. Auch EDAG und andere Entwicklungsdienstleister stehen unter Druck. Die Autokrise trifft die Ingenieurkonzerne mit Verzögerung - aber mit voller Wucht.
Warum trifft es die Dienstleister so hart? Weil ihre Geschäftsmodelle auf Projektabrufen basieren. Wenn OEMs Entwicklungsprogramme kürzen oder verschieben, wirkt das schneller als bei Zulieferern mit langfristigen Serienverträgen. Projekte werden kurzfristiger gesteuert, teilweise an Verkaufszahlen gekoppelt - was zu abrupten Abbrüchen führen kann.
Was das für den Shopfloor bedeutet
Für Produktionsplaner und Einkäufer in der Automobilindustrie hat der IAV-Einschnitt konkrete Implikationen:
Kapazitäten werden knapper. Wer heute externe Entwicklungskapazitäten für Antriebsstrang, Elektronik oder Fahrzeugsoftware einplant, sollte prüfen, ob seine bisherigen Partner die Ressourcen noch in gewohntem Umfang bereitstellen können.
Wissensabfluss ist real. Wenn erfahrene Ingenieure das Unternehmen verlassen - auch freiwillig -, geht Projektwissen mit. Das betrifft nicht nur IAV intern, sondern auch laufende Kundenprojekte.
Neue Kompetenzprofile entstehen. IAV selbst signalisiert mit dem IT-Hub Berlin und der KI-Verankerung, wohin die Reise geht: weg vom klassischen Motorenentwickler, hin zum Software- und Systemintegrator. Das verändert das Anforderungsprofil an Ingenieure - und damit auch, was Auftraggeber künftig einkaufen können.
Diversifikation als Ausweg. Unternehmen wie IAV, FEV und EDAG suchen aktiv Wachstum in der Verteidigungsindustrie, Medizintechnik und Luft- und Raumfahrt. Das ist strategisch sinnvoll - aber es dauert, bis neue Kundensegmente die wegbrechenden Automobilaufträge kompensieren.
Einordnung: Transformation oder Rückzug?
IAV nennt das, was gerade passiert, "die größte Transformation der Automobilindustrie". Das stimmt - aber Transformation und Schrumpfung sind nicht dasselbe. Wer die Belegschaft um 40 Prozent reduziert und gleichzeitig KI-Kompetenz aufbauen will, setzt auf eine sehr kleine, sehr spezialisierte Einheit. Ob das reicht, um im Wettbewerb mit chinesischen Entwicklungspartnern und OEM-internen Software-Teams zu bestehen, ist offen.
Die IG Metall hat das klar benannt: Das Management habe sich "zu keinem Zeitpunkt ernsthaft auf die guten Vorschläge aus der Belegschaft für neue Geschäftsfelder eingelassen". Das ist ein Vorwurf, der über IAV hinausweist. Viele Ingenieurdienstleister haben die Diversifikation zu spät begonnen - und zahlen jetzt den Preis.
Was bleibt: Ein Tarifvertrag, der Sicherheit verspricht, aber nur bis 2028. Standortvereinbarungen, die noch ausgehandelt werden müssen. Und eine Branche, die sich neu erfinden muss - mit deutlich weniger Köpfen als zuvor.
Was ist IAV und warum ist das Unternehmen für die Industrie relevant?
IAV (Ingenieurgesellschaft Auto und Verkehr) ist einer der größten Automobil-Entwicklungsdienstleister Deutschlands. Das Unternehmen entwickelt Antriebsstränge, Elektronik und Fahrzeugsysteme für OEMs und Zulieferer weltweit. VW hält 50 Prozent der Anteile. IAV ist damit ein Frühindikator für die Auftragslage in der gesamten Fahrzeugentwicklung.
Sind betriebsbedingte Kündigungen bei IAV ausgeschlossen?
Ja – der Zukunftstarifvertrag schließt betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2028 aus. Der Stellenabbau soll über ein Ansprache- und Freiwilligenprogramm erfolgen, das im Herbst 2026 startet.
Welche IAV-Standorte sind besonders betroffen?
Berlin-Charlottenburg war ursprünglich von einer drastischen Verkleinerung bedroht – die Schließung ist nun abgewendet. Berlin wird zum IT-Hub umgebaut. Gifhorn wird als Entwicklungszentrum gestärkt, Stollberg (Sachsen) bleibt erhalten. Für alle Standorte sollen bis Ende März 2027 verbindliche Vereinbarungen zu Auslastung und Ausrichtung folgen.
Was bedeutet der IAV-Stellenabbau für Zulieferer und Einkäufer?
Externe Entwicklungskapazitäten werden knapper. Wer IAV oder vergleichbare Dienstleister als Entwicklungspartner nutzt, sollte prüfen, ob Ressourcen und Projektkontinuität gesichert sind. Gleichzeitig verschieben sich die Kompetenzprofile: Klassische Motorenentwicklung tritt zurück, Software- und KI-Kompetenz rückt vor.





